Gold auf Rekordjagd
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Der Goldpreis eilte bis Ende Oktober von Rekordhoch zu Rekordhoch. Mit einem Plus von knapp 30% seit Jahresbeginn würde Gold nach derzeitigem Stand die beste Jahresperformance seit 14 Jahren aufweisen. Zudem stellt Gold in diesem Jahr fast alle anderen Anlageklassen in den Schatten. Ausnahme ist die Kryptowährung Bitcoin, die zuletzt ebenfalls auf ein Rekordniveau stieg. Die Preisstärke von Gold zeigt sich zudem keineswegs nur in USDollar. Auch in zahlreichen anderen Währungen wie Euro, britisches Pfund, Schweizer Franken, japanischer Yen sowie chinesischer Renminbi und indischer Rupie erreichte der Goldpreis Rekordniveaus. Will heissen, die genannten Währungen sind gegenüber Gold so schwach wie nie zuvor.
Auslöser für den Preisanstieg war die grösser als erwartet ausgefallene Zinssenkung der US-Notenbank Fed um 50 Basispunkte Mitte September. Auch wenn Fed- Chef Jerome Powell auf der anschliessenden Pressekonferenz versuchte, Erwartungen an weitere Zinssenkungen in diesem Ausmass zu dämpfen, liess sich der Markt davon zunächst nicht beeindrucken und preiste bis zum Jahresende und für das nächste Jahr weitere aggressive Zinssenkungen an, die über das von unseren Volkswirten erwartete Ausmass hinausgegangen wären. Erst nach der Veröffentlichung überraschend robuster US-Arbeitsmarktdaten und etwas stärkerer US Inflationsdaten setzte im Oktober eine Korrektur der Zinssenkungserwartungen ein. Der Goldpreis geriet daraufhin aber nur kurzzeitig unter Druck.
Dass Gold die Verluste im Oktober schnell wieder aufholte und kurz danach neue Allzeithochs verzeichnete, dürfte an der drohenden Eskalation des Konflikts zwischen Israel und dem Iran gelegen haben. Denn Gold profitiert auch von seiner Eigenschaft als sicherer Hafen. Ein weiterer Grund könnte die Unsicherheit im Vorfeld der US-Wahlen Anfang November gewesen sein. Nachdem der ehemalige US-Präsident Donald Trump die Wahl gewonnen hatte und damit im Januar wieder ins Weisse Haus zurückkehren wird, dürften sich die Inflationsrisiken merklich erhöhen. Denn Trump will neue Zölle einführen bzw. bestehende Zölle erhöhen und Einfluss auf die Zinsentscheidungen der Fed nehmen. Eine steigende Inflation ist positiv für Gold, falls die Fed darauf nicht angemessen reagiert. Zudem hat bei den ETF-Anlegern ein Stimmungswandel stattgefunden. Bis einschliesslich April verzeichneten die Gold- ETF an elf aufeinanderfolgenden Monaten Nettoabflüsse. Seit Mai gab es sechs Monate in Folge mit Nettozuflüssen. Die Gold-ETF leisteten damit im dritten Quartal erstmals seit zehn Quartalen wieder einen positiven Beitrag zur Goldnachfrage. Die bislang vorliegenden Daten lassen allerdings für November Nettoabflüsse erwarten.
Ein preistreibender Faktor bleiben auch die Goldkäufe der Zentralbanken. Zwar hat die chinesische Zentralbank seit Mai kein Gold mehr erworben. Dafür kauften die Zentralbanken anderer Länder wie Indien, die Türkei oder Polen weiterhin grosse Mengen Gold. Für anhaltende Goldkäufe spricht eine Umfrage, die der World Gold Council im Frühjahr unter Zentralbanken durchgeführt hatte. Demnach gaben 29% der befragten Zentralbanken an, ihre Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten weiter aufstocken zu wollen. Zudem erwarteten 81%, dass die Goldreserven unabhängig von der eigenen Entscheidung in den nächsten zwölf Monaten steigen werden. Die Zentralbankkäufe dürften somit eine wesentliche Stütze für die Goldnachfrage bleiben, wenngleich sie nicht ganz das rekordhohe Niveau der beiden Vorjahre erreichen dürften.
Der Preisanstieg zeigte im Oktober bereits Anzeichen einer Übertreibung. So hatte sich der Goldpreis zwischenzeitlich vom US-Dollar und von den Zinserwartungen abgekoppelt. Der Preisrückgang um mehr als 200 USD in der ersten Novemberhälfte kam daher nicht vollends unerwartet, zumal der USDollar nach den US-Wahlen kräftig aufwertete und die Zinssenkungserwartungen deutlich zurückgeschraubt wurden. Der kräftige Preisanstieg und das hohe Preisniveau dürften zudem Bremsspuren bei der physischen Goldnachfrage in Asien hinterlassen. Sichtbar ist dies in China, wo die Goldimporte über Hongkong und der Schweiz im August auf das niedrigste Niveau seit Anfang 2021 eingebrochen waren und sich auch im September und Oktober kaum erholten. Auch in Indien dürfte das rekordhohe Preisniveau die Nachfrage belasten, da die privaten Haushalte dort für gewöhnlich sehr sensibel auf Preisveränderungen reagieren. Die kräftige Absenkung der Steuer auf Goldimporte im Juli hat das zunächst verhindert, sodass die indischen Goldimporte im August sogar kräftig stiegen. Dabei könnte es auch zu vorgezogenen Käufen für die anstehende Feiertags- und Hochzeitssaison gekommen sein. Die Goldimporte Indiens fielen im September bereits wieder deutlich schwächer aus. So zeigten die Daten der Eidgenössischen Zollbehörde einen Einbruch der Schweizer Goldexporte nach Indien um fast 90% auf das niedrigste Niveau seit Anfang 2023. Der Anstieg im Oktober fällt dagegen kaum ins Gewicht.
Wir rechnen damit, dass der Goldpreis nach seinem jüngsten Rücksetzer in den kommenden Monaten nahe der Marke von 2.600 USD handeln wird. Für ein höheres Preisniveau müssten schon die Zinssenkungserwartungen wieder merklich zunehmen oder sich die Lage im Nahen Osten bzw. der Krieg in der Ukraine zuspitzen. Ab der zweiten Jahreshälfte 2025 rechnen wir mit einem Preisanstieg, weil die Inflation in den USA wegen der zu erwartenden Zölle steigen dürfte, was bei gleichbleibenden Leitzinsen einen Rückgang der Realzinsen zur Folge hätte.

Carsten Fritsch arbeitet seit Juli 2008 als Rohstoffanalyst bei der Commerzbank. Zuvor war er sieben Jahre als Devisenanalyst bei der Commerzbank tätig. Er begann seine berufliche Laufbahn als Research Assistant in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Commerzbank und als Finanzjournalist für die Devisenmärkte bei einer Nachrichtenagentur. Er hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre an der Universität Magdeburg.